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Zugverkehr im Bahnhof Zenica. Der lokbespannte Zug stammt aus den 60er Jahren und besteht aus zwei blauen Bahnwagen - ein Geschenk der Schwedischen Eisenbahn.

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Wo Zugfahren noch ein Erlebnis ist

Jan Billeter - 26.05.2026

Nicht nur in Bosnien, aber besonders dort ist Zugfahren noch ein richtiges Erlebnis. Einerseits begeistert die eindrückliche Landschaft entlang der Neretva, andererseits wirkt auch der Umgang mit Digitalisierung wie eine kleine Reise in eine andere Zeit.

Hupend und quietschend kommt die E-Lok zum Stehen. Sie stammt aus Zeiten, als Bosnien und Herzegowina noch Teil Jugoslawiens war. Wir befinden uns in Zenica, einer kleineren Stadt im Herzen des Landes. Dreimal täglich fährt von hier ein Zug in die Landeshauptstadt Sarajevo. Es ist 7:25 Uhr. Der Zug rollt beinahe pünktlich ein. Kaum hält er an, steigen bereits die ersten Passagiere aus. Hinter der Lok hängen zwei blaue Waggons aus den 1960er-Jahren – eine einstige Spende aus Schweden. Innen erwarten einen bequeme rote Sessel, dunkle Holzwände und der Charme vergangener Jahrzehnte. Etwas unklar bleibt mir allerdings das Verhältnis der ZFBH zum Rauchen. Die ZFBH ist die Eisenbahngesellschaft der Föderation Bosnien und Herzegowina. Daneben gibt es noch die ZRS, das Bahnunternehmen der Republika Srpska. Sven Ruf hat schon darüber geschrieben.

Von Unterwegs
Aussicht aus dem Zug auf die Bosnischen Berge.

Es lebe das Papierticket

Die Fahrt nach Sarajevo ist landschaftlich geprägt vom Bosnatal, das sich immer weiter öffnet. Die Bosna, der Fluss, der dem Land seinen Namen gab, begleitet die Strecke über weite Teile. Da der Zug den Fluss mehrmals überquert, hat jede Seite des Zuges ihr Gutes. Der Schaffner kontrolliert unser Papierticket und locht es. Vielleicht ist das der richtige Moment für ein paar Worte zum Thema Tickets in Bosnien: Wer hier mit der Bahn reist, hat neben Interrail vor allem eine Option: das klassische Papierticket. Einen Billettautomaten findet sucht man vergeblich. Also bleibt nur der gute alte Schalter. Glücklicherweise spricht die Dame dort Englisch. Das Papierticket wird von Hand mit Stift auf einem Block ausgefüllt. Bezahlt wird ausschliesslich bar, in Konvertiblen Mark, der bosnischen Landeswährung.

Billet
Zugticket in Bosnien und Herzegowina. Erstellt mit Liebe von Hand.

Sarajevo: Zwischen Vielfalt und Vergangenheit

Knapp anderthalb Stunden später kommen wir in Sarajevo an. Es ist interessant, wie hier verschiedene Ethnien und Religionen zusammenleben: Bosnier (Muslime), Kroaten (Katholiken) und Serben (Orthodoxe). Daneben hat hier auch die jüdische Gemeinschaft eine beachtliche Grösse. Gleichzeitig sind die Folgen des Krieges weiterhin sichtbar. Besonders die Belagerung Sarajevos (die längste Belagerung der Neuzeit) hat tiefe Spuren hinterlassen. Auch 30 Jahre nach Ende des bewaffneten Krieges erinnern sich die Leute daran, als sei es gestern gewesen. Es gibt viele Häuser, die Merkmale des Krieges tragen. Die Friedhöfe sind riesig.

Viele jüngere Menschen hoffen heute auf einen EU-Beitritt. Sie träumen von offenen Grenzen, besseren Arbeitsmöglichkeiten, moderner Infrastruktur und einem Bildungssystem mit mehr Perspektiven.

Züge sind beliebt

Wer kurz nach 16.00 Uhr am Bahnhof von Sarajevo auftaucht, um den Zug nach Mostar zu nehmen, merkt schnell: Man ist nicht allein. Neben diesem Nachmittagszug gibt es täglich nur noch eine Verbindung am Vormittag. Etwa 20 Minuten vor Abfahrt steigen wir in den bereitstehenden Zug ein und stellen fest, dass sich die Talgo-Wagen rasch füllen. Am Ende ist beinahe jeder Sitzplatz belegt. Zwischen den Sitzen gibt es zwei praktische Steckdosen. Die Sitze sind bequem, die Gänge angenehm breit.

Bahnhof Sarajevo
E-Lok mit Talgo-Wagen im Bahnhof von Sarajevo.

Eine der schönsten Zugfahrten

Pünktlich um 16:46 verlässt der lokbespannte Zug die Olympiagaststätte von 1984. Dann folgt eine atemberaubende Fahrt durch das dinarische Gebirge und vorbei an Stauseen. Um an Höhe zu verlieren, schlängelt sich der Zug durch kurze Kehrtunnels. Endlose Wälder, schneebedeckte Berge und kleinere Dörfer ziehen langsam am Fenster vorbei. Nach entschleunigenden zwei Stunden Fahrt (die E-Lok fährt praktisch nie über 100 km/h) erreichen wir Mostar.

Die Alte Brücke über die Neretva lockt nicht nur die besten Brückenspringer, sondern auch Touristen aus der ganzen Welt an. Seit ihrer Aufnahme ins UNESCO-Weltkulturerbe gehört sie zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten des Balkans. Im Hochsommer klettern die Temperaturen in Mostar gerne auf 40 Grad. Deshalb empfehlen wir einen Besuch im Frühling. Dann ist das Klima angenehm mild und ideal, um die Region entspannt zu entdecken.

Group 487

Jan Billeter

Hat sich zum Ziel vorgenommen möglichst jede Hauptstadt Europas mit dem Zug zu bereisen. Sarajevo ist die Nummer 22.