Wir hätten auch reich werden können

Ein Besuch an der Hockey WM 2019 in der Slowakei, an welcher 10'000 Schweizer Fans ins Stadion mit 9'000 Plätzen wollten.

Auch die Stadt ist reizvoll

Nur eine Stunde von Wien entfernt liegt die slowakische Hauptstadt Bratislava. Die feine Altstadt an der Donau lädt zum Flanieren ein, das Bier ist billig und man fühlt sich wie in einer anderen Welt. Trotz allem ist Bratislava keine Weltstadt, und ist daher eher für einen Tagesausflug geeignet. Auch Austin, der hier unzählige Mal den Kajakkanal heruntergefahren ist, gab mir vor meiner Reise den simplen Tipp: «Wir sollten die Altstadt oder ins Einkaufszentrum gehen».

Der beste Blick auf die Stadt bietet das "Ufo" über der Brücke des Slowakischen Nationalaufstandes

Wir hatten aber ohnehin bereits einen anderen Plan. 2019 fand hier die Eishockey-WM statt, welche wir für ein Wochenende besuchten. Durch die geographische Nähe zu Tschechien, Österreich und auch der Schweiz sowie der kulturellen Nähe zu Russland und Lettland verwandelte sich die Stadt in eine bunt durchmischte Welt voller friedlicher Eishockeyfans.

Die Medien erzählten von allein 10'000 Schweizer Fans, die sich in der Stadt aufhielten. Das ist ziemlich viel , wenn man bedenkt, dass das Zimný štadión Ondreja Nepelu nur einem Publikum von 9'000 Leuten Einlass bietet. So waren wir einerseits zufrieden, dass wir für den ersten Tag bereits ein Ticket für die Revanche des Finals von 2018 (Dem bitteren 2:3 nach Penaltyschiessen der Schweiz gegen Schweden) in unserer Tasche hatten. Andererseits schwanden unsere Hoffnungen auf ein Last-Minute-Ticket für das Spiel Schweiz-Russland am Folgetag.

Auch an der WM 2019 verlor die Schweiz ihr Spiel gegen die Schweden mit 2:3

Zum Glück war sie schwanger

Nach einem intensiven ersten Tag in Bratislava mit drei Hockeypartien innert 10 Stunden waren wir nun definitiv angefressen vom Geschehen in der Arena. Klar wäre wohl auch in der Fanmeile ordentlich die Post abgegangen, aber wir hofften trotz allem weiter, irgendwo noch ein Ticket für das Abendspiel der Schweizer Eisgenossen gegen die russische Sbornaja.

Wir versuchten unser Glück vor dem Stadion, wo sich am Nachmittag tschechische und österreichische Fans versammelten, um gemeinsam das Nachbarschaftsduell zu verfolgen. Für uns sah es aber gar nicht gut aus. Eine Vielzahl an Schweizer Landsleuten wimmelten um das Stadion um ebenfalls mit selbstgebastelten Schildern nach einem Sitzplatz für das längst ausverkaufte Spiel zu fragen. Sie waren deutlich in der Überzahl zu den Schwarzhändler*innen, die jedoch rund 300€ für einen Sitzplatz zu verlangen mochten. Klar könnte man sagen: Man ist nur einmal hier, doch wenn man betrachtet, dass die Hinfahrt im Nachtzug uns drei zusammen nur 135€ kostete und man solche Abzocker*innen auch nicht wirklich unterstützen möchte, liefen wir ums Stadion und suchten nach ehrlichen Menschen.

Wochenlang der begehrteste Eingang von Bratislava

Im Gegensatz zu mir hörte meine Schwester, dass eine Gruppe von vier tschechischen Fans uns und unserem selbstgebastelten Schild mit der Aufschift "Searching Tickets SUI-RUS" hinterherrief. Einer von ihnen erklärte uns, dass sie sich Tickets für alle Spiele am heutigen Tag kauften, nun aber seine Freundin Schwanger sei und sie deswegen nach dem Spiel Tschechien-Österreich wieder heimfuhren. Darum wären sie sehr froh, wenn sie ihre Tickets noch verkaufen können – natürlich mit einem kleinen Rabatt. 40€ statt die üblichen 50€ pro Ticket gingen in Ordnung.

Andrea hatte auch Freude

Wie die Jungfrau zum Kind kamen wir tatsächlich noch an Tickets für den Abend. Nebeneinander, Haupttribüne und zu einem normalen Preis. Angesichts der Tatsache, dass weiterhin hunderte Fans auch auf ein solches Blatt Papier hofften und wir vier Sitzplätze statt den benötigten drei hatten, blieben uns nun zwei Möglichkeiten: Wir verkaufen alle Tickets für einen Wucherpreis und hätten die Ferien mit Gewinn beendet oder: Wir spielen selbst Glücksfee und verkaufen übrige Ticket auch für 40€ an einen hoffenden Schweizer Fan.

Das Beweisbild: Wir waren drin und das schon 40 Minuten vor dem Puckeinwurf

Natürlich entschieden wir uns für letzteres. Andrea, Bergbauer in St. Antönien und Pistenpräparierer im Davoser Skigebiet Parsenn, war die glückliche Person, welche neben uns der Schweiz bei der 0:3 Niederlage gegen die Russen zuschauen durfte. Er hatte auch eine Riesenfreude, ins Stadion zu können. Sie seien als Junggesellenabschied hierhergereist, ohne Tickets in der Tasche und viele seiner Freunde blieben vor den Toren des Stadions. Für sie ging es am nächsten Tag mit dem Büssli wieder ins Bündnerland, für uns mit dem Railjet nach Zürich. Meine Schwester verkauft bis heute aber trotz ihres Talentes keine Tickets – auch nicht für Züge.

Für die Schweizer Nati standen die Sterne nicht so gut. 4 Tage nach unserer Abreise verlor die Schweiz den Viertelfinal gegen Kanada wegen eines Gegentores in der letzten Sekunde des Spiels.

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