Mit dem Zug ins Fjäll – an sich bereits ein Abenteuer

In die schwedischen Berge zu gelangen ohne Auto ist eine eher umständliche Angelegenheit. Wir haben es trotzdem versucht und einiges erlebt.

Eigentlich hätte dieser Reisebericht von unseren Erfahrungen mit dem Länstrafik, dem nordschwedischen ÖV abseits der Eisenbahnschienen, erzählen sollen. Dank einer zweistündigen Verspätung des Nachtzuges zwischen Schwedens Hauptstadt Stockholm und Trondheim in Norwegen, schreibe ich stattdessen über die Zuverlässigkeit der schwedischen Staatsbahn SJ, die Organisationskünste die nötig sind, um nördlich von Stockholm ohne Auto unterwegs zu sein, und zuvorkommendes Bahnpersonal.

Die Reisegruppe, bestehend aus zwei Orientierungsläufern auf der Suche nach den schönsten Karten Schwedens und damit guten Trainingsbedingungen, traf sich nach unterschiedlichen Anreise(um)wegen in Nyköping in Mittelschweden. Im Gepäck ein Zelt inklusive Campingküche, etwas OL-Ausrüstung und die Billette und Reservationen die uns SimpleTrain zusammengesucht hatten.

Für solche Aussichten sind wir nordwärts gefahren.

Unsere Unternehmung sollte uns von Nyköping über Stockholm, Ånge und Sveg nach Råndalen und Idre führen. In Schweden gilt grundsätzlich, je weiter nördlich und je weiter westlich, desto weniger von allem was nicht Sumpf, Rentier und Stille ist. Von diesen Ortschaften sind deshalb nur gerade die ersten beiden an das staatliche Eisenbahnnetz angeschlossen, weshalb hier der Länstrafik zum Zug kommt. Beziehungsweise mangels Schienen eben gerade nicht (ich entschuldige mich für das Wortspiel).

Der Länstrafik (län sind die schwedischen Verwaltungseinheiten, ganz weit weg mit unseren Kantonen verwandt, trafik bedeutet Verkehr) umfasst ein ganz Nordschweden durchkreuzendes Busnetz, das je nach Strecke regelmässig oder nur auf Abruf befahren wird. Um von Ånge nach Sveg zu kommen, gilt letzteres und wir würden irgendwo anrufen müssen, damit der Bus kommen würde. Aber keine Angst, wenn ihr kein telefontaugliches Schwedisch beherrscht, die Schwedinnen sprechen mit einigen Ausnahmen sehr gutes Englisch und die älteren Generationen häufig auch Deutsch.

Wir waren auf jeden Fall gespannt, ob das klappen würde. Das Telefonat glückte, aber den Bus bestiegen wir leider nie: Als wir nach einer kurzen Nacht im Natttåg morgens um fünf aufstanden und unsere Sachen packten um in Ånge auszusteigen, glänzte hinter den vorbeiflitzenden Bäumen am Streckenrand noch immer die Ostsee. In unserem verschlafenen Zustand dauerte es einen Moment, bis wir begriffen, dass Ånge nicht am Meer liegt und wir damit ein Problem hatten. Der erste Gedanke, dass wir in den Teil des Zuges geraten waren, der in Sundsvall weiter in Richtung Norden der Küste entlangschaukelt, war glücklicherweise schnell beiseitegeschoben. Die Zugbegleiterin erklärte uns bedauernd, dass wir beinahe zwei Stunden Verspätung hatten. Damit würden wir die Abfahrt des Länstrafikbusses verpassen, der möglicherweise nur wegen uns überhaupt fuhr.

Wir warteten also, bis die Auskunft des Länstrafik öffnete und erkundigten uns, was wir tun konnten. Zuerst wurde auf der anderen Seite erwägt, den Bus warten zu lassen, aber zwei Stunden erschienen dem Auskunftgebenden dann doch etwas viel. Er empfahl uns, bei SJ nachzufragen. Das taten wir, die Auskunft war allerdings besetzt. Also versuchte ich es mit dem Auskunftschat, den es unterdessen auf vielen schwedischen Supportseiten zu finden gibt. «Jesper» wünschte mir einen guten Morgen und fragte, wo das Problem läge. Bis heute bin ich nicht sicher, ob ich mit einem Menschen oder mit einer Maschine kommuniziert habe. Die Antworten, die ich erhielt, waren zwar konzise, aber maximal unbrauchbar. Da die Strecke nur bis Ånge von SJ betrieben werde, seien sie nur dafür zuständig, uns bis dahin zu bringen. Wenn wir den Anschluss eines anderen Anbieters verpassten, sei das nicht ihre Angelegenheit. Mit einem Verständnis für die Zeit und damit für Verspätungen schien «Jesper» nicht gesegnet zu sein. Meine weiteren Erklärungsversuche interessierte ihn nicht und nach einigen Minuten beendete er das Gespräch und bat um eine Bewertung der Erfahrung mit SJ. Ich verwünschte die moderne Technik und versuchte es mit althergebrachten Kommunikationsmethoden. Die Zugbegleiterin war etwas angespannt. Unterdessen begannen die Fahrgäste, die in Östersund aussteigen wollten, aus ihren Abteilen zu klettern, und aus Rücksicht auf die Schlafenden wollte sie nicht den Bordlautsprecher benützen, um den Zug über die Verspätung zu informieren, und musste von Abteil zu Abteil gehen. Trotzdem versicherte sie mir, sie würde sich um unser Problem kümmern. Kurz vor Ånge tauchte die Frau tatsächlich wieder auf und teilte uns mit, ein Taxi würde uns nach Sveg verfrachten. Also stiegen wir aus und nachdem wir eine Weile in der Morgenfrische gewartet hatten, konnte unsere Reise weitergehen.

Ånge besteht aus nicht viel mehr als einem grossen Güterbahnhof, wo ab und zu auch ein Personenzug hält.

Die Chauffeurin war erst nordisch-schweigsam, als sie aber merkte, dass wir Schwedisch sprachen, entwickelte sich bald ein Gespräch (wenn auch vornehmlich auf Englisch). Wir hatten ja eineinhalb Stunden Zeit. Wir unterhielten uns über die Schönheit des Nordens, dass man hier aber auch nur schwer Arbeit finden kann, und darüber, dass man, wie beschwerlich die Reise auch sein mag, nie aufgeben sollte. Des Weiteren regte sich die Frau über den Schwerverkehr der Forstwirtschaft auf, der die Strassen in holprige Pisten verwandelt, gleichzeitig aber eine wichtige Stütze der strukturschwachen Region ist. Schliesslich kamen wir wohlbehalten und mit nur geringer Verspätung in Sveg an, wo wir dann alleine weiter nach Råndalen fuhren.

Auf dem Weg dahin sind wir mit dem Mälartåg gefahren, mit dem Nattåg, mit einem Taxi und einem Hyrbil (Mietauto). Wir mussten drei Mal umsteigen, die Reise dauerte sechzehn Stunden. Die Vorbereitung dieses Stücks unserer Unternehmung kostete uns vielleicht fünf Stunden und verlangte auch SimpleTrain einiges ab, mit all den unterschiedlichen Verbindungen und Verkehrsmitteln. Als ich mich zum ersten Mal mit meinem Anliegen an Marius wandte, klang durch seine Antworten, wie er sich etwas am Kopf kratze, nach einigem hin und her, war dann aber alles klar und insgesamt hat alles bestens geklappt. Vielen Dank gleich noch an dieser Stelle.

Abschliessend gilt es festzuhalten, dass sich Skandinavien (im streng geografischen Sinn, also ohne Finnland) grundsätzlich locker ohne Flugzeug eschliessen lässt. Von Zürich ist man in vierundzwanzig Stunden in Stockholm. Weder SJ noch DB (die dänischen Staatsbahnen) oder Vy (das norwegische Pendant) kann dieselbe Taktdichte oder Pünktlichkeit vorweisen, wie die SBB.

Aber alle grösseren Ortschaften sind irgendwie an den ÖV angeschlossen und in den Städten gibt es meist ein gutes Bus oder Tramnetz. Bei Problemen lohnt es sich in der Regel mit dem Personal vor Ort zu sprechen. Das ist grundsätzlich sehr bemüht und es werden immer Lösungen gefunden. Wo es etwas abenteuerlich werden kann, ist bei der Feinverteilung der Reisenden abseits der urbanen Zentren. Hier kommt man, ausser man will weite Strecken gehen oder velofahren, oft nicht um ein Auto herum. Das Land ist einfach etwas weitläufig. Aber genau deshalb zieht es uns ja auch immer wieder in den Norden.

Weitere Geschichten aus dem Norden...